Nachdem man Fieber in der Psychiatrie ja schlichtweg zu ignorieren scheint, hat mich auch die diagnostische Schiene bezüglich der genauen Demenzkategorie nicht mehr verwundert.

In einem der Gespräche mit den Psychiatern habe ich gefragt, an welcher Art der Demenz meine Mutter nun leide. Ich erhielt die Antwort „An Alzheimer Demenz“. Auf die Rückfrage, ob nicht ihr exzessiver Nikotingebrauch (30 Jahre lang zwischen 60 u. 90 Zigaretten täglich) zu einer arteriosklerotisch bedingten Demenz geführt haben könne, sagte mein telefonisches Gegenüber, man habe im (unsinnigerweise ohne Kontrastmittel) durchgeführten CCT keine alten Insulte (Schlaganfälle) feststellen können, in Ermangelung einer anderen Erklärung gehe man von einer Alzheimer Demenz aus. Im Klartext heißt das: wenn ein Psychiater sich bei einem Demenzkranken keinen diagnostischen Rat weiß (und DAS dauert ja meist nicht lange), vergibt er das Etikett „Alzheimer“ – sehr differenzierte Betrachtung von Patienten, nicht?

Zwar ist es durchaus korrekt, daß die Alzheimer Demenz eine Ausschlußdiagnose anderer Demenzarten ist, jedoch hat man es sich im Fall meiner Mutter zu einfach gemacht (wie ihr Krankheitsverlauf zeigt, den ich in den folgenden Artikeln darlegen werde). Keinesfalls darf man einen Menschen nach inadäquater Diagnostik mit einem solchen Etikett versehen.

Auf dem Gutachten stand als Diagnose „Dementielles Syndrom“. Wahrscheinlich ein Ergebnis der „Schwierigkeit“der Angehörigen.

Nach langer Blogpause zum Thema wegen vieler Akutsituationen melde ich mich nun also zurück. Diesmal aus der Retrospektive.

Eines schönen Dienstags erhielt ich einen Anruf aus der Psychiatrie. Meiner Mutter ginge es sehr schlecht – sie habe Fieber. In einem Nebensatz fiel die Bemerkung, sie habe bereits seit 4 Tagen Fieber. Als man dies das erste Mal festgestellt habe, sei es von allein gesunken. Diagnostische Maßnahmen (Labor, Röntgen, Urinstatus, Sonographie des Bauches wie von den Leitlinien gefordert) seien nicht eingeleitet worden – in der Psychiatrie tue man dies nicht. Meine Mutter habe wahrscheinlich eine Lungenentzündung (schlussendlich hat man ihr eine Blutgasanalyse gemacht, diese als eingeschränkt erkannt und ihre objektiv hörbare Dyspnoe zum Anlaß dieser Diagnose genommen). Auf meine Bitte hin, sie in Krankenhaus Altbekannt zu verlegen, erhielt ich die Antwort, sie werde sicher bald intubationsbepflichtig , man müsse sie in die Uniklinik H. verlegen – dort sei sie bereits avisiert und ein Bett vorhanden. Ich fasste den Sachverhalt zusammen („Ah, 4 Tage haben sie sie liegenlassen, jetzt wo sie nahe intubationspflichtig ist, wird sie ad hoc in ein fremdes Krankenhaus gekarrt, wo ihre gesamte Krankheitsgeschichte neu aufgerollt wird“), wurde als „unbequem“ eingestuft und erhielt die Versicherung, die Chefärztin riefe mich zurück.

Unterdessen sprang ich in mein Auto und raste ca. 150 km nachhause, holte Frau H. ab um mit ihr in Krankenhaus H. meine Mutter zu finden. In der Uniklinik hatte man, wie bei Lungenentzündung empfohlen sofort (schon 30 Minuten Verzögerung führen zu einer schlechteren Prognose) mit einer antibiotischen Therapie begonnen. Neben meiner Mutter traf ich dort einen Studienkollegen an, der mir verkündete, man habe  dort kein adäquates Bett für meine Mutter, die telefonische Übergabe des Psychiaters sei ungenügend gewesen (hatte ich mir ja bereits gedacht), mein Studienkollege war meiner Anregung gegenüber, sie in Krankenhaus Altbekannt zu verlegen, aufgeschlossen und so wurde Mutter auf Pritsche Nr. 3 und in Krankenhaus Altbekannt verfrachtet – ich kann es leider nicht anders ausdrücken.

In einem ihrer lichten Momente – das Narkosedelir klang ab – hat sie sich ausdrücklich „dieses unwürdige In-der-Welt-Herumgekarre“ verbeten.

Auf meine Rückfrage an die Chefärztin der Psychiatrie, warum man keine diagnostischen Maßnahmen bezüglich des Fiebers eingeleitet hatte, erhielt ich die Antwort „In der Psychiatrie tuen wir das nicht“ und  – wie schon so oft, das Etikett „schwierig“. Allerdings wird dieses Nichtstun noch ein Nachspiel haben.

Man muß bei allen Anträgen und Maßnahmen Präsenz zeigen – als ich heute einmal mehr beim Amtsgericht meines Heimatortes nachfragte, wie weit das Betreuungsverfahren gediehen sei, erhielt ich die Antwort, das psychiatrische Gutachten stehe noch aus. Das nächste Telefonat galt der sehr netten, praktisch orientierten Psychiaterin, die meine Mutter behandelt. Das Gutachten sei unterwegs, sagte sie. In dem sehr netten Gespräch fiel auch der Satz „Wenn Ihre Frau H. da ist, ist ihre Mutter viel adäquater!“ Frau H. ist formell die langjährige Haushälterin meiner Mutter, tatsächlich integrales Mitglied meiner (unserer) Patchworkfamilie. Unsere Frau H. ist bereits älter als meine Mutter – geistig und körperlich jedoch fitter.

Ich werde also dafür sorgen, daß die Dosis von Frau H. möglichst groß sein wird.

Unterdessen läßt Muttern ihre Unleidlichkeit an mir aus – soll und darf sie auch.

Als meine Mutter anrief und verkündete, sie würde am nächsten Tag ambulant „an etwas da“ operiert, schwante mir Übles. Ich empfand Wut über den Zeitpunkt der Mitteilung, die Tatsache, daß sie operiert werden muß und auch ein Schwung Selbstmitleid (hatte ich nicht schon ohne dies genug Hals etc.).

Nun bin ich durchaus pragmatisch veranlagt – ich nahm mir für den nächsten Tag frei und fand heraus, worum es ging und was zu tun sei. Sie war dem Anästhesisten davon gelaufen, der Chirurg hatte sie daraufhin vom OP-Plan genommen – ich wurde denn nun mit der Generalvollmacht, die sie mir vor einigen Jahren ausgestellt hatte, aufgeklärt und sie wurde operiert.

Daß ich ihre Angelegenheiten regeln würde und ihre Versorgung klären war für mich selbstverständlich. Als Scheidungskind war sie diejenige  elterliche Bezugsperson, die für mich aufgrund der Umstände der Trennung meiner Eltern in meiner Kindheit und Jugend konstant präsentwar und gleichwohl unsere Beziehung niemals eine einfache war liebe ich sie sehr.

Als sie in der Psychiatrie war, beantragte ich eine gesetzlich bestellte Betreuung (in ihren aggressiven Phasen wollte sie mir die Generalvollmacht entziehen, es wurde klar, daß Grundbesitz verkauft werden muß etc.), begann, mich nach Lösungsmöglichkeiten für ihr Leben in ihrem Zuhause umzusehen. Was sie nie wollte, war fremdbestimmt zu leben und in einem Heim zu leben. Ersteres kann ich ihr nicht ersparen, letzeres schon.

Meine Haltung ist keineswegs heroisch zu sehen – ich habe Tränen vergossen, nicht nur aus Mitgefühl für meine Mutter sondern auch aus Selbstmitleid: konnte mir nicht einmal das erspart bleiben? Aber ich will und kann sie nicht im Stich lassen. Und wie schon einmal erwähnt habe ich viele tatkräftige Unterstützer: R., die sich nach einer Pflegekraft umgesehen hat, J., die mir konkrete Hinweise gab, H., die sich ebenfalls umgehört und mir wichtige Hinweise gegeben hat, G., die sofort kam, als ich sie rief und sofort aktiv an Lösungsmöglichkeiten mitgearbeitet hat, I., die juristische Aspekte mitsteuert, A., die mir beruflich den Rücken freigehalten hat, M. und He., die bei soviel Unterstützung noch auf „Standby“ stehen – und das sind nur die Unterstützer in meinem persönlichen Bereich, aus dem beruflichen Umfeld meiner Mutter habe ich noch einmal so viele Menschen. Alleine ist eine solche Mammutaufgabe nahezu nicht zu bewältigen.

Meine pragmatische Seite hat die Oberhand gewonnen – ich regele ihre Angelegenheiten (und das ist ein ausreichend großes Beschäftigungsfeld), Selbstmitleid empfinde ich nur noch in sehr wenigen Momenten.

Daß meine Mutter an einer Demenz leidet, ist mir seit ca. 2 Jahren klar. Besonders deutlich wurde es, als sie vor einem Jahr auf einen Betriebsausflug mitging und – aus ihrem Umfeld gerissen – völlig desorientiert wurde. Ähnlich erging es ihr in einem Urlaub mit mir – und wie froh bin ich, ihrem Wunsch gefolgt zu sein.

Ich habe versucht, sie in Richtung beruflichen Ruhestand zu bewegen – vergebens. Das Unternehmen, das sie aus eigener Kraft aufgebaut hat, wollte sie weiter führen (nach Macchiavelli´scher Art). Weil ich widersprach und zuletzt mit einem amtsrichterlich angestrengten psychiatrischen Gutachten „gedroht“ habe, wurde ich zur Persona non grata.

In diese Situation kam die Operation einer – wie sich herausgestellt hat – gutartigen Zyste, die eine Narkose erforderlich machte, nach der meine Mutter delirant wurde. Sie ist privatversichert – und ja, im folgenden Procedere hat dies durchaus eine Rolle gespielt. Wie es immer so geht, wurde sie besonders abends delirant, so daß der Kollege mich anrief. Ich bat, man möge sie in eine psychiatrische Klinik einweisen, da ich sie in einem solchen Zustand zuhause nicht führen könne. In ihrer Aggressivität mir gegenüber hatte sie die für mich schon alte Drohung „Ich nehme mir einen Strick und hänge mich auf!“ wiederholt, die ich aus meiner Kindheit bei Nichtbefolgen ihrer Anweisungen schon dutzendfach gehört hatte. Die Drohung (ohne den Bekanntheitsgrad für mich) und ihre Versicherungsart habe ich dem Kollegen ausdrücklich weitergegeben, erhielt die Antwort „Das hilft!“ und die Versicherung, er riefe mich zurück. Suizidgefährdete Patienten müssen von der jeweils zuständigen Klinik aufgenommen werden. Ich meinerseits rief eine nahegelegene, jedoch nicht zuständige Klinik an, um mir sagen zu lassen, sie seien überbelegt. Offenbar dieselbe Antwort erhielt der Kollege in der Chirurgie von der zuständigen Klinik. Er ließ jedoch hiervon nicht abspeisen und nahm Rücksprache mit dem hintergrunddiensthabenden Oberarzt der psychiatrischen Klinik – meine Mutter konnte mirakulöserweise aufgenommen werden.

Als sie ankam, war es beinahe Mitternacht, ich wartete bereits im Eingangsbereich. Obwohl ich sonst pragmatisch und in solchen Situationen eher weniger sentimental bin, war ich den Tränen nahe als sie auf der Bahre mit einem verkehrt herum angezogenen Schlafanzug liegen sah. Sie wurde auf den Gang einer der Stationen gelegt. Am nächsten Morgen rief sie mich an und schrie, sie läge hier auf dem Gang, was ich mit ihr angestellt habe, sei das letzte. Insgeheim gab ich ihr recht, aber ich hatte keine Wahl. Wenige Minuten hiernach rief mich ihre älteste Freundin an, die wie ich von ihr angerufen worden war. Es läge ein Haftbefehl gegen sie vor, ich habe sie einsperren lassen. Was ich mit meiner Mutter angefangen habe?! Ich schilderte ihr die Situation. Sie habe ja schon lange gewußt, daß meine Mutter dement sei.

Wenig später rief der Oberarzt der gerontopsychiatrischen Station an. Da die aufnehmende Kollegin versteckt angedroht hatte, man würde meine Mutter am nächsten Morgen entlassen, wenn sie wieder klar sei, hatte ich die Chefarztsekretärin mit Anrufen bombardiert um klarzustellen, daß ich für meine Mutter die ihr zustehende Chefarztbehandlung und eine Demenzabklärung wünsche. Der Oberarzt war sehr freundlich. Er habe kein Bett, sie müsse wahrscheinlich 1-2 Tage auf dem Gang liegen, wenn man sie behalten solle. Tief durchatmend habe ich geantwortet, dann möge das so sein, die anderen Kliniken seien voll- natürlich unter dem Hinweis, daß man dann kein 2-Bett-Zimmer mit der privaten Versicherung abrechnen kann. Sie erhielt am Abend dieses Tages ein 2-Bett-Zimmer. Für eine Demenzdiagnostik müsse zunächst das Delir abklingen.

Zwischen diesen Telefonaten habe ich das Ausmaß des finanziellen und sonstigen Chaos aufgedeckt, das sie offenbar die letzten zehn Jahre angerichtet hat.

Kurzum, an diesem Wochenende habe ich mehrere graue Haare bekommen und mehrere Kilogramm Gewicht verloren. Über jedwede psychogenen Beschwerden kann ich jetzt aus erster Hand berichten.

Vor einigen Wochen hat für meine Mutter der Anfang vom Ende begonnen. Sie wurde operiert  – die OP ließ sich nicht vermeiden und wie viele andere demente Menschen ist sie nach der Narkose delirant geworden.

Gleichwohl ich wußte, daß sie eine Demenz hat, hat es mich tief getroffen, sie nachts auf der Trage des RTW am Eingang zur Psychiatrie wie ein Häufchen Elend liegen zu sehen. Die bitteren Vorwürfe, die sie seither gegen mich erhebt – alle konfus, jeder ins Mark treffend – sind nur ein Teil dessen, womit ich ab jetzt leben muß.

Sie war und ist eine stolze Frau, die bis zu besagtem Tag ausschließlich selbst über ihr Leben bestimmt hat. Wenn sie sich im Spiegel sieht, kommen ihr die Tränen. Wenn sie ihren Willen nicht bekommt, schreit sie vor Zorn. Helfen kann ich ihr nicht wesentlich, und es ist die Ohnmacht, mit der ich ihrer Verzweiflung gegenüber stehe, die momentan das Schlimmste für mich ist.

Es mag zynisch anmuten, aber nicht nur die Demenz ist offenbar geworden, auch ihr Lymphdrüsenkrebs ist zurück.

Es hat ein paar Tage gebraucht, bis ich das Ausmaß des finanziellen Chaos durchschaut habe, das sie – wohl schon vor einigen Jahren beginnend – angerichtet hat.

Und so habe ich, um ihr zu helfen, mich in mancher Hinsicht beschäftigt: eine amtsrichterlich bestellte Betreuung beantragt, da die nicht notarielle Generalvollmacht für Beurkundungen bei Verkauf von Grundbesitz nicht ausreicht, Antrag auf Pflegeversicherung gestellt (hier zählt als frühestmögliches Bezugsdatum das Datum des Antrags!) und mir Lösungsstrategien für ihre häusliche Versorgung überlegt.

All das hätte ich ohne ihren und meinen treuen Freundeskreis nicht geschafft.

Damit ich es nicht vergesse, halte ich hier die vielen Schritte fest, die auf meine Mutter und mich zukommen werden.