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Als es ersichtlich rapide mit meiner Mutter bergab ging, habe ich ihre einzige Schwester angerufen, die ich zuvor gebeten hatte, sie nicht in der Psychiatrie zu besuchen, um sie nicht dem Anblick preiszugeben, und ihr gesagt, wenn sie sich von ihrer Schwester verabschieden wolle, müsse sie dies bald tun. Sie kam unmittelbar und hat sie von da an nahezu jeden Tag besucht und gemeinsam mit Frau H. und mir viele Stunden am Bett meiner Mutter verbracht.
Wie wir da so saßen – noch im Krankenhaus Altbekannt – seufzte meine Mutter und sagte „Ach, Kinder, laßt mich doch in Frieden sterben – alles Andere hat doch keinen Sinn. Aber macht Euch keine Sorgen – wir sind alle schon so alt – wir sehen uns alle bald im Jenseits wieder!“ Meine Tante erschrak – im Januar diesen Jahres war die jüngste Schwester gestorben, nun verabschiedete sich meine Mutter (im Alter von 71 Jahren, meine lebende Tante ist gerade 70 Jahre alt geworden).
Ich habe ihr versichert, sie dürfe jederzeit gehen, es sei alles geregelt. Da sie sich als gut katholisch betrachtet hat, habe ich dafür Sorge getragen, daß sie die Krankensalbung erhielt. Aber sie war zäh.
Als der Richter – im Rahmen des Betreuungsverfahrens – zur Anhörung ins Krankenhaus Altbekannt kam, erwachten noch einmal ihre Lebensgeister. Sie „roch“ einen Beamten, der sich in ihre Angelegenheiten einzumischen gedachte und wurde agil. Der Richter erklärte, weswegen er da sei und fragte sie, ob es für sie in Ordnung sei, wenn ich ihre Angelegenheiten regeln würde. Sie antwortete nicht eindeutig und er fragte nach. „Selbstverständlich ist das in Ordnung, wenn meine Tochter das macht!“ Er erklärte ihr die Betreuung erneut und fragte nach, ob ich denn auch ihre Wohnung auflösen dürfe. „Das soll meine Tochter so machen, wie sie das für richtig hält! Und wenn Sie jetzt noch ein drittes Mal anfangen, fliegen Sie hier gleich raus! Kümmern Sie sich um die anderen!“
Die Betreuung wurde dann trotz anfänglichen Zögerns bei existenter Generalvollmacht umfassend ausgestellt.
Man kann diverse Situationen aus diversen Blickwinkeln betrachten. Hier im folgenden einige davon.
Im Krankenhaus Altbekannt auf „ihrer“ alten Station, der Hämatoonkologie (da die Krankenhaus-assoziierte Lungenentzündung auch als Komplikation der Immunschwäche bei Non-Hodgkin-Lymphom (dem erwähnten Lymphdrüsenkrebs) als hämatoonkologisch zu führende Erkrankung gilt, ging es meiner Mutter pflegetechnisch deutlich besser als in der Psychiatrie – sie roch nicht mehr (Körperhygiene „tut“ man wohl in der Psychiatrie auch nicht), jedoch insgesamt wurde sie rapide schwächer und war nahezu durchweg schläfrig. Letzteres war wohl der Effekt der gutgemeinten aber kontraproduktiven Idee, ihre Demenz-assoziierten Wahnvorstellungen (sie durchlebte immer berufliche Szenarien und lebte weiter in ihrer eigenen Welt – eigentlich hatte sie das ihr Leben lang schon getan im Rahmen der nie formal diagnostizierten Persönlichkeitsstörung) mit dem Urmedikament der Psychiatrie, Haloperidol, therapieren zu wollen.
Dies gerade zu unterlassen war einer der wenigen Erfolge des Aufenthaltes in der Psychiatrie gewesen – man hatte es wegen der bei meiner Mutter deutlich zu Tage tretenden extrapyramidalmotorischen Nebenwirkungen (Steifigkeit der Bewegung, extreme Kleinschrittigkeit) unterlassen.
Um mit den behandelnden Kollegen zu sprechen, war ich bei mehreren Visiten anwesend. In einer davon thematisierte ich ihren rapiden Abbau und äußerte die Ansicht, meine Mutter würde in den nächsten Wochen versterben, wenn sich der Verlauf so fortsetze. Ich erhielt die Antwort „Wieso?! Ihre Mutter hat sich doch deutlich stabilisiert! Die Laborwerte sind ausgeglichen, so daß wir die antibiotische Therapie bald beenden.“ Daß die Laborwerte sich besserten, sollte ein Zeichen eines imaginären Aufwärtstrendes sein? In meiner Vorstellung gibt die Klinik des Patienten (sein klinisches Bild) noch immer den deutlichsten Hinweis – der Verlauf sollte mir recht geben. Da die Zustimmung der Kollegen keine Änderung der Behandlungsstrategie zur Folge gehabt hätte habe ich mich einmal mehr schief ansehen lassen und mir meinen Teil dabei gedacht.
Meine Mutter unterdessen umschrieb ihre Situation so „Alles Scheiße – Deine Emma!“.
Nach langer Blogpause zum Thema wegen vieler Akutsituationen melde ich mich nun also zurück. Diesmal aus der Retrospektive.
Eines schönen Dienstags erhielt ich einen Anruf aus der Psychiatrie. Meiner Mutter ginge es sehr schlecht – sie habe Fieber. In einem Nebensatz fiel die Bemerkung, sie habe bereits seit 4 Tagen Fieber. Als man dies das erste Mal festgestellt habe, sei es von allein gesunken. Diagnostische Maßnahmen (Labor, Röntgen, Urinstatus, Sonographie des Bauches wie von den Leitlinien gefordert) seien nicht eingeleitet worden – in der Psychiatrie tue man dies nicht. Meine Mutter habe wahrscheinlich eine Lungenentzündung (schlussendlich hat man ihr eine Blutgasanalyse gemacht, diese als eingeschränkt erkannt und ihre objektiv hörbare Dyspnoe zum Anlaß dieser Diagnose genommen). Auf meine Bitte hin, sie in Krankenhaus Altbekannt zu verlegen, erhielt ich die Antwort, sie werde sicher bald intubationsbepflichtig , man müsse sie in die Uniklinik H. verlegen – dort sei sie bereits avisiert und ein Bett vorhanden. Ich fasste den Sachverhalt zusammen („Ah, 4 Tage haben sie sie liegenlassen, jetzt wo sie nahe intubationspflichtig ist, wird sie ad hoc in ein fremdes Krankenhaus gekarrt, wo ihre gesamte Krankheitsgeschichte neu aufgerollt wird“), wurde als „unbequem“ eingestuft und erhielt die Versicherung, die Chefärztin riefe mich zurück.
Unterdessen sprang ich in mein Auto und raste ca. 150 km nachhause, holte Frau H. ab um mit ihr in Krankenhaus H. meine Mutter zu finden. In der Uniklinik hatte man, wie bei Lungenentzündung empfohlen sofort (schon 30 Minuten Verzögerung führen zu einer schlechteren Prognose) mit einer antibiotischen Therapie begonnen. Neben meiner Mutter traf ich dort einen Studienkollegen an, der mir verkündete, man habe dort kein adäquates Bett für meine Mutter, die telefonische Übergabe des Psychiaters sei ungenügend gewesen (hatte ich mir ja bereits gedacht), mein Studienkollege war meiner Anregung gegenüber, sie in Krankenhaus Altbekannt zu verlegen, aufgeschlossen und so wurde Mutter auf Pritsche Nr. 3 und in Krankenhaus Altbekannt verfrachtet – ich kann es leider nicht anders ausdrücken.
In einem ihrer lichten Momente – das Narkosedelir klang ab – hat sie sich ausdrücklich „dieses unwürdige In-der-Welt-Herumgekarre“ verbeten.
Auf meine Rückfrage an die Chefärztin der Psychiatrie, warum man keine diagnostischen Maßnahmen bezüglich des Fiebers eingeleitet hatte, erhielt ich die Antwort „In der Psychiatrie tuen wir das nicht“ und – wie schon so oft, das Etikett „schwierig“. Allerdings wird dieses Nichtstun noch ein Nachspiel haben.

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