Anderen hatte sie immer zu einer Obduktion geraten. Besprochen hatte ich das zu nicht-dementen Lebzeiten mit ihr auch. Gleichwohl auf ihrem Totenschein die allfällige Pneumonie zu lesen stand, hielt ich das nicht ür die unmittelbare Todesursache. Über die Sinnhaftigkeit der Kausalkette, die man als Arzt in einem Totenschein aufbauen muss (Tod erfolgte aufgrund X bei Y auf Boden der Grunkrankheit Z), läßt sich meines Erachtens so oder so streiten. Ich bezweifle auch nicht, daß der diensthabende Kollege das hineingeschrieben hat, was ihm wahrscheinlich erschien, ich sage nur, daß es mir nicht plausibel erscheint.
Eine bösartige Erkrankung, eine fragliche Lungenentzündung, aufsteigende Lähmungen der Extremitäten – könnte vieles sein: Hirnmetastasen, Guillain-Barre-Syndrom (wobei der Verlauf hierfür untypisch wäre).
Insgesamt wäre das eine Obduktion auf Angehörigenwunsch gewesen, die die Beerdigung hinausgezögert hätte – dazu fehlte mir einfach die Kraft. Ich wollte abschließen mit diesem grauenvollen Verlauf ihrer Krankheit und hatte nach all den Auseinandersetzungen kaum Kraftreserven. Also beauftragte ich einen Bestatter, der alles weitere regelte.
Wie sollte es auch anders sein meldete sich der Beamtenschimmel zu Wort: es brauchte einen Auszug aus dem Familienbuch, um die Scheidung zu bestätigen – das Scheidungsurteil allein reichte nicht aus. Ohne diesen Auszug keine Sterbeurkunde.
Auch die katholische Kirche ihres Wohnortes zeigte ihre Vorgehensweise bei Nicht-Kirchgängern: ja, eine Totenmesse am Tag der Beerdigung könne man nicht organisieren: wenn sie in der Kirche engagiert gewesen wäre, ja dann vielleicht…
Für eine auf das Jenseits zentrierte Religion doch eine ziemlich schwache Leistung ihren Anhängern gegenüber. Aber in der katholischen Kleinstadt, in der sie geboren wurde, stellte das wohl kein Problem dar: ihr Requiem wurde am Tag der Beerdigung gehalten.
Und auch der Tag ihrer Beerdigung ging vorbei: ich habe meine Kräfte noch einmal mobilisiert, um ihn durchzustehen. Den Kreis der Teilnehmer habe ich so klein gehalten wie möglich – was nach einem ausgefüllten Berufsleben und einem doch recht großen Freundeskreis so einfach nicht war. Die Zahl der Heuchler hielt sich dadurch in Grenzen.

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