Bereits am nächsten Tag begann der Abwärtstrend. Das letzte, was sie aktiv zu mir gesagt hat war die Antwort auf die Frage, ob es ihr recht sei, daß ich ihr ihre Uhr wieder mitgebracht hatte (durfte sie in der Psychiatrie ja nicht bei sich haben – Regeln der geschlossenen Station). Es war ihr recht.

Von da ab schlief sie vorwiegend. Erst dachten wir, es handele sich um einen einfach Haldolüberhang – was man ihr in der Psychiatrie wegen der Nebenwirkungen nicht mehr gegeben hatte, aber leider ist es in Akutkliniken ein sehr beliebtes Medikament; man hatte ihr die Wahnvorstellungen nehmen wollen. Worin der Nutzen liegen sollte, einer dementen Frau die „Wahnvorstellungen“ zu nehmen (die ich da schon gar nicht mehr beobachtet hatte) konnte mir der behandelnde Kollege nicht erklären.

Mutter wurde unterdessen nicht wacher, sie entwickelte Fieber. Ihre agile Hausärztin kam und rief mich an. Sie könne sie erneut in ein Krankenhaus einweisen – hätte ich eine Maßgabe? Ich hatte: in Anbetracht der ohnehin eingeschränkten Prognose und der fehlenden Lebensqualität meiner Mutter bat ich sie, dies nicht zu tun. Sie stimmte mir zu und Mutter blieb im Heim. Eine Woche hat sie kontinuierlich abgebaut – uns noch angesehen, nicht mehr gesprochen, Paresen entwickelt (so daß ich vom klinischen Bild her spinale und/oder cerebrale Metastasen annehme). Wir waren viel und lange bei ihr, ich blieb stellenweise über Nacht.

Gestorben ist sie dann doch während einem meiner Dienste – Frau H. und meine Tante waren bei ihr. Ich fühlte mich betäubt aber doch wach. Obwohl ich es hatte kommen sehen hatte sich mit einem Schlag alles geändert. Immer wieder hatte ihr versichert, sie dürfe gehen, es sei alles geregelt. Jetzt fühlte ich mich sehr allein.