Man kann diverse Situationen aus diversen Blickwinkeln betrachten. Hier im folgenden einige davon.
Im Krankenhaus Altbekannt auf „ihrer“ alten Station, der Hämatoonkologie (da die Krankenhaus-assoziierte Lungenentzündung auch als Komplikation der Immunschwäche bei Non-Hodgkin-Lymphom (dem erwähnten Lymphdrüsenkrebs) als hämatoonkologisch zu führende Erkrankung gilt, ging es meiner Mutter pflegetechnisch deutlich besser als in der Psychiatrie – sie roch nicht mehr (Körperhygiene „tut“ man wohl in der Psychiatrie auch nicht), jedoch insgesamt wurde sie rapide schwächer und war nahezu durchweg schläfrig. Letzteres war wohl der Effekt der gutgemeinten aber kontraproduktiven Idee, ihre Demenz-assoziierten Wahnvorstellungen (sie durchlebte immer berufliche Szenarien und lebte weiter in ihrer eigenen Welt – eigentlich hatte sie das ihr Leben lang schon getan im Rahmen der nie formal diagnostizierten Persönlichkeitsstörung) mit dem Urmedikament der Psychiatrie, Haloperidol, therapieren zu wollen.
Dies gerade zu unterlassen war einer der wenigen Erfolge des Aufenthaltes in der Psychiatrie gewesen – man hatte es wegen der bei meiner Mutter deutlich zu Tage tretenden extrapyramidalmotorischen Nebenwirkungen (Steifigkeit der Bewegung, extreme Kleinschrittigkeit) unterlassen.
Um mit den behandelnden Kollegen zu sprechen, war ich bei mehreren Visiten anwesend. In einer davon thematisierte ich ihren rapiden Abbau und äußerte die Ansicht, meine Mutter würde in den nächsten Wochen versterben, wenn sich der Verlauf so fortsetze. Ich erhielt die Antwort „Wieso?! Ihre Mutter hat sich doch deutlich stabilisiert! Die Laborwerte sind ausgeglichen, so daß wir die antibiotische Therapie bald beenden.“ Daß die Laborwerte sich besserten, sollte ein Zeichen eines imaginären Aufwärtstrendes sein? In meiner Vorstellung gibt die Klinik des Patienten (sein klinisches Bild) noch immer den deutlichsten Hinweis – der Verlauf sollte mir recht geben. Da die Zustimmung der Kollegen keine Änderung der Behandlungsstrategie zur Folge gehabt hätte habe ich mich einmal mehr schief ansehen lassen und mir meinen Teil dabei gedacht.
Meine Mutter unterdessen umschrieb ihre Situation so „Alles Scheiße – Deine Emma!“.

4 comments
Comments feed for this article
September 23, 2008 um 7:15
Wolf
Jetzt kannst Du wahrscheinlich verstehen weshalb ich mich mitunter recht gallig in die Qualitätssicherung einmische. Ich hätte Dir Unverständnis gewünscht, aber es ist nun mal anders. Ich verstehe nicht und will es auch einfach nicht verstehen, dass Leitlinien verzögert, verhindert und wenn es nicht zu vermeiden ist fleißig ignoriert werden. Nein, lauter Individualkünstler am Werk, niemand muss sich der Erkenntnis fremder Schreibtischärzte beugen, die haben ja alle keine Ahnung. Wir jammern auf hohem Niveau, haben aber genügend Grund zu jammern. Da wo ich jammere treffe ich meist auf die, bei denen ich weniger jammern müsste. Die anderen kommen halt nicht. BTW: sehen wir uns am 25.11.2008? Es lohnt sich.
September 24, 2008 um 4:11
medbrain2001
Oh ja – und wie ich das verstehen kann.
Ich habe mich ja immer als patientenorientiert gesehen, aber das geht noch patientenorientierter – bin ich auch durch die Sache mit meiner Mutter geworden.
Es ist nachegrade verheerend, was Menschen in deutschen Krankenhäusern regelhaft passiert!
Ich wäre am 25.11.08 gekommen, bin aber nicht rechtzeitig zurück.
Oktober 17, 2008 um 11:12
BlaueLili
Was ist am 25.11.2008, wenns überhaupt öffentlich ist ?
Oktober 17, 2008 um 3:50
medbrain2001
Da war eine Demo wegen der Finanzierung kleiner KH in Berlin. Bedarfshaltestelle hat einfach angenommen, daß mir das klar ist.