Als meine Mutter anrief und verkündete, sie würde am nächsten Tag ambulant „an etwas da“ operiert, schwante mir Übles. Ich empfand Wut über den Zeitpunkt der Mitteilung, die Tatsache, daß sie operiert werden muß und auch ein Schwung Selbstmitleid (hatte ich nicht schon ohne dies genug Hals etc.).

Nun bin ich durchaus pragmatisch veranlagt – ich nahm mir für den nächsten Tag frei und fand heraus, worum es ging und was zu tun sei. Sie war dem Anästhesisten davon gelaufen, der Chirurg hatte sie daraufhin vom OP-Plan genommen – ich wurde denn nun mit der Generalvollmacht, die sie mir vor einigen Jahren ausgestellt hatte, aufgeklärt und sie wurde operiert.

Daß ich ihre Angelegenheiten regeln würde und ihre Versorgung klären war für mich selbstverständlich. Als Scheidungskind war sie diejenige  elterliche Bezugsperson, die für mich aufgrund der Umstände der Trennung meiner Eltern in meiner Kindheit und Jugend konstant präsentwar und gleichwohl unsere Beziehung niemals eine einfache war liebe ich sie sehr.

Als sie in der Psychiatrie war, beantragte ich eine gesetzlich bestellte Betreuung (in ihren aggressiven Phasen wollte sie mir die Generalvollmacht entziehen, es wurde klar, daß Grundbesitz verkauft werden muß etc.), begann, mich nach Lösungsmöglichkeiten für ihr Leben in ihrem Zuhause umzusehen. Was sie nie wollte, war fremdbestimmt zu leben und in einem Heim zu leben. Ersteres kann ich ihr nicht ersparen, letzeres schon.

Meine Haltung ist keineswegs heroisch zu sehen – ich habe Tränen vergossen, nicht nur aus Mitgefühl für meine Mutter sondern auch aus Selbstmitleid: konnte mir nicht einmal das erspart bleiben? Aber ich will und kann sie nicht im Stich lassen. Und wie schon einmal erwähnt habe ich viele tatkräftige Unterstützer: R., die sich nach einer Pflegekraft umgesehen hat, J., die mir konkrete Hinweise gab, H., die sich ebenfalls umgehört und mir wichtige Hinweise gegeben hat, G., die sofort kam, als ich sie rief und sofort aktiv an Lösungsmöglichkeiten mitgearbeitet hat, I., die juristische Aspekte mitsteuert, A., die mir beruflich den Rücken freigehalten hat, M. und He., die bei soviel Unterstützung noch auf „Standby“ stehen – und das sind nur die Unterstützer in meinem persönlichen Bereich, aus dem beruflichen Umfeld meiner Mutter habe ich noch einmal so viele Menschen. Alleine ist eine solche Mammutaufgabe nahezu nicht zu bewältigen.

Meine pragmatische Seite hat die Oberhand gewonnen – ich regele ihre Angelegenheiten (und das ist ein ausreichend großes Beschäftigungsfeld), Selbstmitleid empfinde ich nur noch in sehr wenigen Momenten.