Daß meine Mutter an einer Demenz leidet, ist mir seit ca. 2 Jahren klar. Besonders deutlich wurde es, als sie vor einem Jahr auf einen Betriebsausflug mitging und – aus ihrem Umfeld gerissen – völlig desorientiert wurde. Ähnlich erging es ihr in einem Urlaub mit mir – und wie froh bin ich, ihrem Wunsch gefolgt zu sein.

Ich habe versucht, sie in Richtung beruflichen Ruhestand zu bewegen – vergebens. Das Unternehmen, das sie aus eigener Kraft aufgebaut hat, wollte sie weiter führen (nach Macchiavelli´scher Art). Weil ich widersprach und zuletzt mit einem amtsrichterlich angestrengten psychiatrischen Gutachten „gedroht“ habe, wurde ich zur Persona non grata.

In diese Situation kam die Operation einer – wie sich herausgestellt hat – gutartigen Zyste, die eine Narkose erforderlich machte, nach der meine Mutter delirant wurde. Sie ist privatversichert – und ja, im folgenden Procedere hat dies durchaus eine Rolle gespielt. Wie es immer so geht, wurde sie besonders abends delirant, so daß der Kollege mich anrief. Ich bat, man möge sie in eine psychiatrische Klinik einweisen, da ich sie in einem solchen Zustand zuhause nicht führen könne. In ihrer Aggressivität mir gegenüber hatte sie die für mich schon alte Drohung „Ich nehme mir einen Strick und hänge mich auf!“ wiederholt, die ich aus meiner Kindheit bei Nichtbefolgen ihrer Anweisungen schon dutzendfach gehört hatte. Die Drohung (ohne den Bekanntheitsgrad für mich) und ihre Versicherungsart habe ich dem Kollegen ausdrücklich weitergegeben, erhielt die Antwort „Das hilft!“ und die Versicherung, er riefe mich zurück. Suizidgefährdete Patienten müssen von der jeweils zuständigen Klinik aufgenommen werden. Ich meinerseits rief eine nahegelegene, jedoch nicht zuständige Klinik an, um mir sagen zu lassen, sie seien überbelegt. Offenbar dieselbe Antwort erhielt der Kollege in der Chirurgie von der zuständigen Klinik. Er ließ jedoch hiervon nicht abspeisen und nahm Rücksprache mit dem hintergrunddiensthabenden Oberarzt der psychiatrischen Klinik – meine Mutter konnte mirakulöserweise aufgenommen werden.

Als sie ankam, war es beinahe Mitternacht, ich wartete bereits im Eingangsbereich. Obwohl ich sonst pragmatisch und in solchen Situationen eher weniger sentimental bin, war ich den Tränen nahe als sie auf der Bahre mit einem verkehrt herum angezogenen Schlafanzug liegen sah. Sie wurde auf den Gang einer der Stationen gelegt. Am nächsten Morgen rief sie mich an und schrie, sie läge hier auf dem Gang, was ich mit ihr angestellt habe, sei das letzte. Insgeheim gab ich ihr recht, aber ich hatte keine Wahl. Wenige Minuten hiernach rief mich ihre älteste Freundin an, die wie ich von ihr angerufen worden war. Es läge ein Haftbefehl gegen sie vor, ich habe sie einsperren lassen. Was ich mit meiner Mutter angefangen habe?! Ich schilderte ihr die Situation. Sie habe ja schon lange gewußt, daß meine Mutter dement sei.

Wenig später rief der Oberarzt der gerontopsychiatrischen Station an. Da die aufnehmende Kollegin versteckt angedroht hatte, man würde meine Mutter am nächsten Morgen entlassen, wenn sie wieder klar sei, hatte ich die Chefarztsekretärin mit Anrufen bombardiert um klarzustellen, daß ich für meine Mutter die ihr zustehende Chefarztbehandlung und eine Demenzabklärung wünsche. Der Oberarzt war sehr freundlich. Er habe kein Bett, sie müsse wahrscheinlich 1-2 Tage auf dem Gang liegen, wenn man sie behalten solle. Tief durchatmend habe ich geantwortet, dann möge das so sein, die anderen Kliniken seien voll- natürlich unter dem Hinweis, daß man dann kein 2-Bett-Zimmer mit der privaten Versicherung abrechnen kann. Sie erhielt am Abend dieses Tages ein 2-Bett-Zimmer. Für eine Demenzdiagnostik müsse zunächst das Delir abklingen.

Zwischen diesen Telefonaten habe ich das Ausmaß des finanziellen und sonstigen Chaos aufgedeckt, das sie offenbar die letzten zehn Jahre angerichtet hat.

Kurzum, an diesem Wochenende habe ich mehrere graue Haare bekommen und mehrere Kilogramm Gewicht verloren. Über jedwede psychogenen Beschwerden kann ich jetzt aus erster Hand berichten.