Vor einigen Wochen hat für meine Mutter der Anfang vom Ende begonnen. Sie wurde operiert – die OP ließ sich nicht vermeiden und wie viele andere demente Menschen ist sie nach der Narkose delirant geworden.
Gleichwohl ich wußte, daß sie eine Demenz hat, hat es mich tief getroffen, sie nachts auf der Trage des RTW am Eingang zur Psychiatrie wie ein Häufchen Elend liegen zu sehen. Die bitteren Vorwürfe, die sie seither gegen mich erhebt – alle konfus, jeder ins Mark treffend – sind nur ein Teil dessen, womit ich ab jetzt leben muß.
Sie war und ist eine stolze Frau, die bis zu besagtem Tag ausschließlich selbst über ihr Leben bestimmt hat. Wenn sie sich im Spiegel sieht, kommen ihr die Tränen. Wenn sie ihren Willen nicht bekommt, schreit sie vor Zorn. Helfen kann ich ihr nicht wesentlich, und es ist die Ohnmacht, mit der ich ihrer Verzweiflung gegenüber stehe, die momentan das Schlimmste für mich ist.
Es mag zynisch anmuten, aber nicht nur die Demenz ist offenbar geworden, auch ihr Lymphdrüsenkrebs ist zurück.
Es hat ein paar Tage gebraucht, bis ich das Ausmaß des finanziellen Chaos durchschaut habe, das sie – wohl schon vor einigen Jahren beginnend – angerichtet hat.
Und so habe ich, um ihr zu helfen, mich in mancher Hinsicht beschäftigt: eine amtsrichterlich bestellte Betreuung beantragt, da die nicht notarielle Generalvollmacht für Beurkundungen bei Verkauf von Grundbesitz nicht ausreicht, Antrag auf Pflegeversicherung gestellt (hier zählt als frühestmögliches Bezugsdatum das Datum des Antrags!) und mir Lösungsstrategien für ihre häusliche Versorgung überlegt.
All das hätte ich ohne ihren und meinen treuen Freundeskreis nicht geschafft.
Damit ich es nicht vergesse, halte ich hier die vielen Schritte fest, die auf meine Mutter und mich zukommen werden.

4 comments
Comments feed for this article
Juli 13, 2008 um 3:02
Miriam Woelke
B“H
Ich finde Deine Aufopferung sehr bewundernswert. Ist es doch gerade diese Art der Krankheit, ueber die wir so gerne hinwegsehen, weil sie uns selber so peinlich ist und uns gleichzeitig vor Angst erzittern laesst.
Juli 17, 2008 um 8:55
medbrain2001
Ich opfere mich nicht – ich bin einfach mitbetroffen und sehe das Tabu, unter dem viele Patienten und Angehörige leiden. Für mich persönlich kommen Vertuschungsaktionen nicht in Betracht. Demnächst schreibe ich mal etwas dazu.
Juli 17, 2008 um 1:21
Wolf
Dass Dir das erspart bleibt hätte ich Dir gewünscht. Es kommt manchmal anders. Und dann sind Anpassungsleistungen gefragt, die nicht selten an die Grenzen der Möglichkeiten gehen. Vielleicht hilft Dir, was mir erst nach ca. 19 Jahren klar wurde: bereite Dich auf einen Langstreckenlauf vor, es geht nicht darum in einem Sprint zu glänzen, es braucht Kraft und Ausdauer. Von allem das Beste!
Juli 23, 2008 um 2:58
Juna
Vielen Dank für die Aufzeichnungen! Als ich meine Großtante pflegt, fehlte mir ganz besonders, von anderen und ihren Erlebnissen zu lesen. Jetzt, Jahre nachdem sie die Welt verlassen hat, ist sie wieder in meinen Erinnerungen die, die sie doch mein anderes Leben für mich war. Gut, daß der Mensch Verletzungen und Schmerz vergisst.
Ich wünsche viel Kraft und viele gute Momente mit Ihrer Mutter.
Herzlich und nochmals Dank, daß Sie den Angehörigen auch eine Stimme geben.